Das Wheel of consent ® – ein Navigationswerkzeug für Liebes- und andere Beziehungen 

Fast mein ganzes bisheriges Erwachsenenleben lang war ich überzeugt, dass ich eher ein distanzierter Typ bin, dass ich Kuscheln und Berührungen eher selten benötige und mir körperliche Nähe auch schnell zu viel wird.
Vor einigen Jahren bin ich dann auf das 
Wheel of consent ® gestossen und war fasziniert davon. Ich fing an mich intensiver damit auseinanderzusetzen und begab mich auf eine spannende innere Reise zu meinen tatsächlichen Berührungsbedürfnissen. Dabei stellte ich mit Erstaunen fest, dass ich überhaupt keine Ahnung davon hatte, was mir wirklich gefällt, dass mich niemand und auch ich mich selbst nie gefragt hatte, was ich wirklich will. Diese Erkenntnis war von vielen Emotionen begleitet: Scham, Angst, Ärger, Unsicherheit, es war (und ist) eine intensive Auseinandersetzung mit mir selbst und dem was ich mir für mich, zu meinem Vergnügen, für meine Erfüllung, an Berührungen wünsche.

Ich nehme es nicht mehr weiter in Kauf, mich mit Berührungen zufrieden zu geben, die sich “schon ganz ok” anfühlen oder halte etwas aus, weil ich davon ausgehe, dass mein Gegenüber verletzt sein könnte, wenn ich sage, dass mir diese Berührung gerade gar nicht gefällt. Ich habe erlebt, dass mein Gegenüber etwas für mich tun möchte und sogar sehr dankbar ist für die Klarheit bezüglich meiner Wünsche… plötzlich sind kein Herumraten und keine Annahmen mehr nötig und mein Gegenüber kann mir mit seiner Berührung wirklich ein Geschenk machen. 

Seit einiger Zeit bin ich nun als Facilitator für das Wheel of consent ® im deutschsprachigen Raum tätig. Es macht mir eine Riesenfreude, Menschen auf ihren Beziehungs-Wegen zu begleiten und sie mit diesem hilfreichen Tool unterstützen zu können, sich neue Räume zu eröffnen, um in größerer Klarheit dieses Thema in sich und in ihren Verbindungen zu erforschen. 

Das Konsensrad dient als hilfreiches Navigationswerkzeug und stellt dabei unser Denken über Geben und Empfangen radikal in Frage

In unserer Gesellschaft ist die Idee weit verbreitet, dass die Person, die eine Berührung ausführt, die sich im aktiven Tun befindet, zugleich die gebende Person ist. Und auf der anderen Seite steht die Person, an der die Berührung ausgeführt wird, die diese passiv empfängt.
Es gibt dieser Idee folgend also lediglich zwei mögliche Rollen oder Seiten in bzw. auf denen ich mich befinden kann, und die Frage die sich stellt ist lediglich: Wer vollzieht die Handlung an wem? 

Ein Beispiel:

Ich habe Lust dich zu umarmen. Ich kenne nur die oben dargestellten zwei möglichen Seiten und stelle daher die Frage: “Hast du Lust auf eine Umarmung?” Wenn du darauf nun keine Lust hast, gibt es keine Umarmung und ich gehe leer aus. Oder ich frage dich erst gar nicht, sondern umarme dich einfach, weil ich davon ausgehe, dass du das so schön findest wie ich.
Mit dem Hintergrundwissen, dass ich für die Erfüllung meiner Bedürfnisse selbst verantwortlich bin und der Klarheit, dass ich gerade gut für mich sorgen möchte kann ich nun sagen: ”Ich habe große Lust dich zu umarmen, darf ich das tun?” Ich mache mich also transparent, zeige mich mit meinem Wunsch und meinem Bedürfnis. Nun könnte es sein, dass du mir diese Umarmung erlaubst, obwohl du selbst keine große Lust dazu hast, du jedoch gerne beitragen möchtest, mir mein Bedürfnis zu erfüllen. So machst du mir ein Geschenk mit deiner Erlaubnis. Ich bin ganz dankbar dafür und beende diesen Kontakt auch mit einem “Dankeschön”. Du freust dich darüber, dass du das für mich ermöglichen konntest und sagst: “Gern geschehen”

Das Modell des Wheel of consent ® erschafft eine ganz neue Dimension in unseren Begegnungen. Wir stellen nicht mehr nur die Frage, wer eine Handlung vollzieht und ob diese Handlung vom Gegenüber erlaubt wurde, sondern vor allem wem die Handlung dient/nutzt. In welche Richtung fliesst das Geschenk dieser Handlung? Wessen Wünsche kommen an erster Stelle und wer stellt die eigenen hinten an? 

Es gibt innerhalb dieses Modells nicht mehr nur zwei Seiten, sondern es ergeben sich vier Haltungen, die ich bewusst einnehmen kann. Eine dieser Möglichkeiten nennt sich

Nehmen / Take

Ich erkenne, dass ich gerade deinen Körper zu meinem Vergnügen berühren möchte (so wie in unserem Beispiel mit der Umarmung). Hierzu kläre ich zuerst in mir und mit mir selbst, was ich eigentlich tun will für mein Vergnügen und an dir. Sobald ich das klar spüre, kann ich den Schritt in das Wagnis gehen und dir davon berichten. Ich stelle eine konkrete, machbare und verständliche Bitte:
“Darf ich dich zu meinem Vergnügen auf diese Art berühren?” (z.B. deine Haare befühlen, deine Zehen erforschen, deine Pobacken durchkneten).

Puh, schon der Gedanke treibt mir die Schamesröte ins Gesicht. Ich habe so viele seltsame Wünsche, was ich gerne an dir tun würde…
Was, wenn du denkst ich bin pervers? Was, wenn du mich auslachst? Was, wenn du Nein sagst? Was, wenn du Ja sagst?

Ich nehme meinen Mut zusammen und stelle meine Frage trotz all dieser Gedanken. 

Du hörst, was ich mir wirklich wünsche, was ich so alles gerne täte. Vielleicht empfindest du gerade dadurch plötzlich große Nähe zu mir. Du kannst wahrnehmen, wie schwer das gerade für mich war, mich so offen zu zeigen. Vielleicht ist es eine Berührung, auf die du ebenfalls große Lust hast. Vielleicht findest du diese Idee auch eher befremdlich. Du klärst nun ebenfalls in dir, ob du bereit bist, deinen Körper für diese Berührung zur Verfügung zu stellen, auf die ich eine solche Lust habe. Bist du bereit, mir das zu erlauben? Vielleicht musst du irgendetwas noch genauer wissen, um das entscheiden zu können. “Wie genau möchtest du meine Zehen erforschen?”
Vielleicht gilt es noch eine klare Grenze zu benennen, damit du dich entspannt hingeben kannst: “Ja du darfst meine Zehen erforschen, aber ich möchte nicht, dass du an meinem großen Zeh ziehst.” Und vielleicht findest du gerade keine Bereitschaft in dir, mir diese Berührung zu erlauben.
Die Rolle, die mein Gegenüber hier einnimmt nennt sich im Konsensrad

Erlauben/Allow

Ich stelle dir meinen Körper zu deinem Vergnügen zur Verfügung und benenne dabei meine Grenzen. Ich weiss, dass du diese Grenzen zu 100% einhalten wirst und kann mich dir ganz entspannt hingeben. In dieser Rolle kann ich geniessen mal nichts tun zu müssen. Und mich Entspannen in dem Wissen, dass du dich um dein eigenes Begehren kümmerst. Ich spüre vielleicht Freude, wenn ich zur Erfüllung deiner Bedürfnisse beitragen kann. 

Im Wheel of consent ® gibt es außer der Dynamik “Nehmen/Erlauben” noch eine weitere Möglichkeit miteinander in Interaktion zu treten:

Annehmen/Accept

das ist die Rolle, die wir klassischerweise mit Empfangen bezeichnen. Ich wünsche mir von meinem Gegenüber auf eine bestimmte Weise berührt zu werden an meinem Körper. Und zwar genau so wie es mir gefällt, wie es meiner Lust dient. Auch hier muss ich erstmal in mir klären, was für eine Berührung ich mir wünsche, was gerade so richtig wundervoll wäre für mich.

Ich horche in mich hinein und mein Rücken meldet: “Ich will eine wundervolle Massage”. Ich zeige mich dir mit diesem Wunsch und frage dich:
“Würdest du mich zu meinem Vergnügen auf eine bestimmte Art berühren?” (z.B. mir eine Rückenmassage geben, zart über meine rechte Wange streicheln, mir mal so richtig fest deine Daumen in die Schulter pressen an der Stelle wo ich so verspannt bin?).

Gar nicht so einfach, mich dir mit diesen genauen Berührungsbitten zu zeigen. Dir genaue Anweisungen zu geben, wie ich es haben möchte. Was du nur wieder über mich denken könntest, wenn du das von mir hörst?  Vielleicht wünsche ich mir die Berührung ganz anders, als ich sonst von dir berührt worden bin. Vielleicht wirst du das als Ablehnung sehen?
Das Gegenüber hat die gegenüberliegende Rolle im Konsensrad, die hier

Dienen / Serve

genannt wird. Das ist die Rolle, die wir klassischerweise mit “Geben” bezeichnen.
In der Dienen-Rolle hörst du mein Begehren und wirst dir klar, ob du das was ich da von dir haben möchte, bereit bist zu tun. Du stellst deine eigenen Wünsche erstmal zurück und spürst in dich hinein, wie es dir mit meiner Bitte geht: Ist es vorstellbar für dich, das zu tun? Oder benötigst du noch viel mehr Klarheit, wie genau diese Berührung oder z.B. diese Rückenmassage aussehen soll?

Vielleicht findest du eine innere Bereitschaft dafür, wenn du noch ein eigenes Limit benennst: “Ja ich bin gern bereit deinen Rücken zu massieren, für die nächsten 30 Minuten.”

Und vielleicht bist du nicht bereit mir diese Berührung jetzt gerade zu schenken. Vielleicht gibt es auch noch etwas anderes, mit dem du mir gerade dienen könntest?
In der dienenden Rolle kannst du geniessen zu hören, was genau sich dein Gegenüber wünscht. Du kannst vielleicht Freude empfinden, mir genau das geben zu können, was sich gut für mich anfühlt… Endlich musst du nicht mehr herumraten, was mir gefallen könnte. Vielleicht kannst du wahrnehmen, dass du mir mit deiner Berührung gerade ein Geschenk machst. Und es kann so entspannend sein, zu sehen, dass das Gegenüber gut für seine Bedürfnisse sorgt.

Diese vier verschiedenen Haltungen, die ich innerhalb des Konsensrades einnehmen kann,  entstehen aufgrund der Bitte (“Darf ich…?”/“Würdest du…?”) die jeweils gestellt wird und durch die klar wird, welche Handlung von wem getan wird und wessen Wünsche gerade erfüllt werden sollen.
Die Vereinbarungen, die wir dadurch jeweils miteinander treffen, sind unsere Rahmenbedingungen, sie ziehen den Kreis aus Konsens um uns herum. 


Empathische ZeitDieser Artikel wurde in der Zeitschrift  „Empathische Zeit“ in der Ausgabe 2/2020 erstveröffentlicht.

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